Freitag, 20. August 2010

Heimat?

Auf der Autobahn Richtung Flughafen Helsinki. Nach dem dreiwöchigen Aufenthalt in Finnland, in dem Land wo ich großgeworden war, wird mir wieder deutlich, was für eine große Rolle das Lebensgefühl in unserem Alltag spielt. Plötzlich ist mir, als hätte das Leben einen anderen Rhythmus hier als in Deutschland, den Rhythmus der Sprache. Als hätte das Leben in Deutschland mehr punktierte Rhythmen, in Finnland mehr Triolen.

Bevor Sie mir einen langen Urlaub empfehlen, oder einen Besuch beim Psychiater, soll ich erläutern dass ich hierbei nur einen Versuch wage, flüchtigen Empfindungen ein Wortgewand zu verleihen bevor sie sich ganz der Wahrnehmung entziehen. Ganz wie es in dem früheren Beitrag "Talking About Music" die Rede war, suchen sich Empfindungen einen Weg des Ausdrucks, sei er mimisch, musikalisch oder Worte die Sinnbilder zu erwecken suchen.
Lebensgefühl bestimmt unser Benehmen: auf welcher Weise ich Fragen stelle beim Einkaufen, wie ich die Fragen antworte, wie ich Telefonate führe. Kürzlich fand ich es beim Telefonieren schwierig, Gedanken auf englisch zu formulieren, nach so viel "finnischem Lebensrhythmus im Blut". Nicht dass mir die Worte gefehlt hätten, es wollten nur die Sachen in der finnischen Reihenfolge herein.

Dieses führt mich zum Thema das mich immer fasziniert hat: inwieweit kann sich Europa oder die Welt einigen. Als Student war ich Europäer schlechthin - die EU war frisch gebacken, die Abstände zwischen den Ländern relativ kurz und die Flüge gerade erschwinglich geworden. Nichts stand im Wege, dort zu wohnen und zu arbeiten, wo es gerade passte. Dieser Ansicht bin ich nach wie vor. Nur ist dazu vielleicht eine Tiefenperspektive hinzugewachsen. Lebe ich über längere Zeit an einer Ecke Europas (oder der Welt), fange ich an, den Lebensrhythmus, das Lebensgefühl - und die Einstellungen vor Ort - anzueignen. Ich werde sozusagen ein Ortsbewohner (in meinem eigenen Fall könnte ich allmählich die Worte John F. Kennedys zitieren, die er - nach angeblich fleißiger Übung mit seinem Dolmetscher - auf den Treppen von Rathaus Schöneberg rezitierte)

Ein Ortsbewohner zu sein schafft zwar Sicherheitsgefühl, zugleich wird man aber der Gefahr ausgesetzt, Eckpatriot zu werden. Der Bequemlichkeit der Sicherheit gesellt schnell eine Entfremdung von dem was uns mit dieser Bequemlichkeit nicht beschert.

Der Rückschluss? Ort zu wechseln bedeutet Anpassung. Anpassung bedeutet Bemühung. Bemühung kostet Energie. Wollen wir tatsächlich eines Tages in einer friedlichen Welt leben, müssen wir uns daran gewöhnen, uns ständig die Mühe der Anpassung zu geben. Dieses können wir ausgezeichnet schon jetzt im europäischen Rahmen üben. Sollte uns einmal die Puste ausgehen, können wir uns mit den Worten Goethes (Faust 2) aufs neue inspirieren lassen: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen"!

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